
Die Gruppenausstellung Let Us Believe in the Dawn of Spring vereint künstlerische Arbeiten, die sich mit kultureller Erinnerung, Ritual und dem Zusammenspiel von Raum, Licht und Wahrnehmung auseinandersetzen. Ausgangspunkt bildet das persische Neujahrsfest Norouz, das traditionell mit dem Haft-Sin begangen wird – einer Anordnung symbolischer Elemente, die für Neubeginn, Wachstum und die zyklische Erneuerung des Lebens stehen.
Im Zentrum der Ausstellung steht eine zeitgenössische Interpretation des Haft-Sin-Rituals. In Zeiten zunehmender Repression, Krieg und gesellschaftlicher Umbrüche wird kulturelle Praxis zu einem Raum der Selbstbehauptung, in dem Würde, Poesie und Lebenswillen bewahrt werden.
Die florale Künstlerin Gaja Vicic präsentiert eine räumliche Installation, die das Haft-Sin-Ritual in eine zeitgenössische Form übersetzt. Pflanzen, Farben und ausgewählte Elemente des Haft-Sin – etwa Äpfel, Knoblauch und Sumach – gliedern die Installation in zwei kontrastierende Landschaften: Die eine erinnert an einen Frühlingsgarten der Erneuerung, während sich die andere als spiralförmige Form am Boden entfaltet. In der persischen Tradition symbolisiert Sumach den Sonnenaufgang und die Rückkehr des Lichts. In dieser zyklischen Bildsprache reflektiert die Installation über Regeneration, Erinnerung und die fragile Beständigkeit von Hoffnung.
Die Skulptur von Caique Tizzi, die mit Lavashak (Fruit Leather) arbeitet, erweitert diese räumliche Situation um eine kulinarische Dimension. Als essbares Objekt verweist die Arbeit auf Gastfreundschaft und gemeinschaftliches Teilen, die in vielen Norouz-Ritualen eine zentrale Rolle spielt. Zwischen Skulptur und Intervention eröffnet die Arbeit eine sinnliche Ebene, in der Geschmack, Materialität und kulturelle Erinnerung miteinander verbunden sind.
Die Arbeiten von Dieter Detzner setzen sich mit Raum und Wahrnehmung auseinander. Seine Skulpturen und spiegelnden Acrylreliefs untersuchen Transparenz, Licht und Reflexion. Geometrische Formen und Prismen brechen die Realität in vielschichtige Facetten und beziehen die Betrachter:innen aktiv in das Werk ein. Der Raum wird dabei selbst zum Bestandteil der künstlerischen Komposition.
Detzners Arbeiten stehen in einem spannungsvollen Dialog mit visuellen Traditionen geometrischer Ornamentik, wie sie auch in der persischen und islamischen Kunst zu finden sind. Diese Resonanzen setzen sich in den Fotografien von Ghazaleh Rezaei fort und werden durch ein historisches persisches Fenster aus der Safawiden-Zeit ergänzt, das als Fragment architektonischer Geschichte in den Ausstellungsraum integriert wird. Zwischen Vergangenheit und Gegenwart entstehen so neue Blickachsen auf Form, Ornament und Raum.
Die fotografische Serie Light Upon Light von Ghazaleh Rezaei beschäftigt sich mit Licht, Erinnerung und der Fragilität kultureller Überlieferung. Ausgangspunkt der Arbeiten sind Fotografien architektonischer Details sowie Motive persischer Wandmalerei. Rezaei fotografiert diese Bilder erneut – sie erscheinen auf einem Monitor, den sie mit einer Taschenlampe beleuchtet und anschließend wieder fotografiert. Durch diesen Prozess überlagern sich Lichtquellen und Reflexionen und erzeugen komplexe Bildschichten, in denen einzelne Details nur fragmentarisch sichtbar bleiben.
Das Licht wird hier selbst zum Bildereignis und erschwert zugleich die eindeutige Lesbarkeit der Motive. Die architektonischen Fragmente, Ornamente und Wandmalereien erscheinen nur noch teilweise – als Spuren kultureller Erinnerung.
Die Motive verweisen auf architektonische Details und Bildtraditionen persischer Kunst. In Rezaeis Arbeiten treten sie nicht als stabile historische Zeugnisse auf, sondern als fragile Relikte, deren Bedeutungen zu verblassen drohen. Die Serie thematisiert die Vergänglichkeit kultureller Erinnerung ebenso wie die materiellen und politischen Bedingungen, unter denen historische Orte und Artefakte im Iran heute existieren. Zwischen Licht, Reflexion und Fragment entsteht ein Bildraum, in dem Geschichte zugleich sichtbar und entzogen erscheint.
Die fotografischen Arbeiten von Hamid S. Neiriz aus den 1970er Jahren verbinden inszenierte Porträts mit experimentellen Formen der Lichtprojektion. In diesen Bildern werden Gesichter und Körper zu Projektionsflächen für geometrische Strukturen und ornamentale Muster. Licht und Schatten modellieren die Figuren und erzeugen Bildräume, die zwischen fotografischer Inszenierung, performativer Geste und räumlicher Komposition oszillieren.
Neiriz nutzt die fotografische Oberfläche, um über die sichtbare Erscheinung hinauszugehen und eine innere Dimension des Porträts anzudeuten. Die projizierten Strukturen fragmentieren das Gesicht und verwandeln den menschlichen Körper in eine Trägerfläche von Licht, Form und Zeichen.
Ein Porträt des Künstlers Jazeh Tabatabai verweist zudem auf die iranische Avantgarde der 1960er- und 1970er-Jahre. Tabatabai zählt zu den prägenden Figuren der modernen iranischen Kunst und war Mitbegründer der einflussreichen Saqqakhaneh-Bewegung, die traditionelle persische Bild- und Zeichenformen mit einer modernen künstlerischen Sprache verband. Das gezeigte Werk Orense (1970) verweist auf diese Phase künstlerischer Erneuerung und erinnert an eine Generation von Künstler:innen, die iranische Kunst in einen produktiven Dialog mit internationalen Avantgarden brachten.
Let Us Believe in the Dawn of Spring versteht Kunst nicht als isoliertes Objekt, sondern als Praxis, die Räume öffnet. Gerade in Zeiten politischer Krisen kann Kunst Orte schaffen, an denen Erinnerung, Gemeinschaft und Hoffnung sichtbar werden – und an denen sich die Vorstellung eines kommenden Frühlings behauptet.